Interaktives Kunstwerk, Kunst-am-Bau Entwurf, May-Ayim-Schule, Berlin
Dynamische Lichtzeichung
Ich betrete das Schulgebäude durch eine der Eingangstüren.
Ich komme im Lichthof an und sehe, dass in diesem Moment eine rote Linie an der Wandzeichnung zu leuchten beginnt. Hinter mir kommt eine weitere Person herein, eine zweite Linie leuchtet auf. Ich bleibe eine Weile vor der Wand stehen, mit der Ankunft zusätzlicher Personen werden mehr Linien sichtbar. Zur Pause sitze ich auf den Stufen in der Eingangshalle, ich bemerke, dass die Wandzeichnung nahezu voll erleuchtet ist. Ich sehe wie jemand zum Haupteingang hinaus geht, eine leuchtende Linie auf der Wand dimmt sich ab und geht aus.
In Kaufhäusern, Flughäfen oder öffentlichen Gebäuden werden unsere Wege und Verweildauern zigtausendfach mit Bewegungssensoren erfasst. Wir werden beim Eintreten in das System zur Zahl, zum Buchstaben, dann zur Statistik und irgendwann zum Diagramm. Wir werden Teil eines Systems mit eigener Logik. In Foucaults Buch „Überwachen und Strafen“ lese ich, dass ein Diagramm nicht primär eine Bildform, sondern ein Funktionsmechanismus sei, der Einzelnen ihre Position innerhalb einer Gesellschaft zuweist. Die Technik unterwirft in diesem Verständnis das Subjekt. Blicken wir von unserem Standort in die nahe Zukunft, können wir davon ausgehen, dass die Symbiose mit technischen Systemen weiter voranschreitet. Jeder unserer analogen und digitalen Schritte wird erfasst, ausgewertet, optimiert. Daraufhin werden wir ge- und verleitet – durch gezielte kommerzielle Angebote – oder auch positioniert – durch Analyse der Straftaten oder der Kaufkraft unseres Freundeskreises. Wir kreieren und partizipieren an Systeme(n) zu deren Teil wir werden, die uns dann unsere Rollen darin zuweisen. Diese Systeme sind meist geschlossen, das eigene Einwirken ist reguliert und passiert durch selektiertes, hintergründiges Mitschreiben unseres Verhaltens.
Uns umgebende Systeme zu erkennen, die Wirkungsweisen aufzudecken und ihre Mechanismen zu durchleuchten, halte ich für eine wichtige Kompetenz, um selbstbestimmt und reflektiert Handeln zu können, was Kern des schulischen Bildungsauftrages ist. Dieses Kunstwerk ist deswegen zentral in der Eingangshalle, dem Ort eines Gebäudes, wo es um Verbindung der Innen- und Außenwelt, um Identität und Repräsentanz geht, verortet. An dieser prominenten Stelle rückt es täglich eine notwendige Reflexion ins Bewusstsein und bezieht spielerisch jeden darin ein. Anders als in verborgen mitschreibenden Computerprotokollen geschieht dies ganz offensichtlich und manipulierbar.
Der Bewegungszähler ist an einem von mehreren Eingängen angebracht und bildet deshalb nicht die tatsächliche Anzahl der Personen im Gebäude ab. Jede*r kann durch Eintreten durch eine andere Tür eine Erfassung umgehen. Jede*r kann sich mehrfach in der Lichtzeichnung abbilden lassen, indem er/sie beispielsweise zum Hof hinaustritt, um das Gebäude herumläuft und vorne wieder hereinkommt. Ob die Zeichnung als still mitschreibendes Phänomen agiert oder zur Eigeninitiative auffordert, wird sich während des Betriebes zeigen. Der Bewegungszähler dient hier nicht der Kontrolle, er ist seismografisch. Er zeigt über den Tag Tendenzen der Aktivität im Gebäude anhand von an- und abschwellenden Lichtern.
Neben ihrer Funktion hat die Wandzeichnung auch eine stärker ästhetische Komponente: sie erinnert an Schaubilder biologischer Stammbäume, abstrakter Geodaten, (politische) Netzwerke oder musikalische Notationen. Beim Betrachten kann man ebenso an Bewegung im Raum denken, wie an einen elektrischen Schaltbaum. Körper und Bewegungen werden in diesem Zeichenraum gruppiert und zueinander in Beziehung gesetzt. Es ist eine offene Struktur, die Subjekten temporäre Positionen zuweist, welche immer wieder verlassen und neu besetzt werden können. Die abstrakte Zeichnung fußt auf dem Gebäudegrundriss der Schule, folgt allerdings nicht seiner Logik und ignoriert bauliche Begrenzungen.
Die Wandzeichnung hat noch eine weitere Funktion: sie ist nicht nur Erfassungsinstrument, sie ist im positiven Sinn auch ein Existenzbeweis, ein Zeichen für die eigene Sichtbarkeit. Bei einem Workshop mit Schüler*innen einer Sekundarschule, konnte ich erfahren, dass jede/r Schüler*in bei seiner/ihrer Ankunft im Schulgebäude wahrgenommen werden will. Dieser konkrete Wunsch, individuell empfangen und bemerkt zu werden, wird durch die Zeichnung ebenfalls abgedeckt.