„Das Projekt war von Anfang an in die Zukunft gedacht.“
ALW: Wenn ich das Foyer der neuen Minna-Cauer-Schule betrete, gehe ich zwar direkt auf dein Kunstwerk zu, sehe es aber vielleicht nicht auf den ersten Blick, weil es sich so gut in den Raum einfügt. Spätestens aber, wenn die Anzeige wechselt, werde ich sowohl vom Geräusch als auch von der Bewegung der fast 10.000 Plättchen angezogen. „Random Conversations“ bespielt den Raum unauffällig und vermag ihn gleichzeitig zu dominieren. Wie war es für dich, ein Kunstwerk für einen Ort zu entwickeln, der gerade erst im Entstehen war? Wie näherst du dich dem Geschehen dieses Raumes an, das zum Zeitpunkt der Ausarbeitung nicht erfahrbar war? Und: Wie kam es zur Platzierung?
BE: Für mich war es perfekt, so früh in den Prozess des Neubaus eingebunden zu sein. Für die Entwicklung der Idee und um mir die Arbeit physisch im Raum vorzustellen – etwa drei Jahre vor Fertigstellung des Gebäudes – war es erst mal recht fordernd, weil ich nur Pläne und wenig Visualisierungen als Ausgangspunkt hatte. Da brauchte ich Strategien, um frühzeitig den Ort für mich konkret werden zu lassen. In der Erarbeitung näherte ich mich „Schule“ mit dem Blick auf die Gegenwart. Ich ging einige Male in andere Sekundarschulen und sah mir ganz bewusst das Geschehen dort an. Ich habe selbst ein schulpflichtiges Kind und wir wohnen in Berlin direkt gegenüber einer Gesamtschule. Es fiel mir leicht, aktuelle Anknüpfungspunkte zu finden. Zur Vorbereitung sprach ich zudem mit Jugendlichen über die Idee und spielte mit ihnen die Aufgabenstellung durch, um zu sehen, ob sie damit etwas anfangen können.
Mit dem Kunstwerk wollte ich unbedingt alle ansprechen und einen täglichen Dialog ermöglichen – deshalb auch der Titel. Es geht um Impulse für zufällige Gespräche. Das Foyer eignete sich hier am besten: Es ist ein Ort des Transits und des Verweilens und auch ein repräsentativer Raum. Gedanken können hier im Vorbeigehen nach innen und außen mitgenommen werden. Die sehr eigentümliche Form der Anzeige von 14 Metern Breite leitet sich direkt aus dem Foyer ab.
ALW: Wie ist die visuelle Gestaltung entstanden? Du hast dich für ein sattes Lila entschieden, wobei einige Buchstaben farblich hervorgehoben sind …
BE: Die Farbe war eine Herausforderung. Sie sollte sehr klar mit der Erwartung an eine Informationstafel brechen und sich von der Umgebung abheben. Ich wollte eine Farbe, die einen guten Kontrast zum Grünton der Umgebung bildet und auch klar für sich steht. Die eingebauten „Fehler“ gehörten auch von Anfang an zum Konzept. Einige Buchstaben in anderen Farben zu setzen, bringt eine kurze visuelle Irritation rein.
ALW: Jetzt sprechen wir schon über Details – mich interessiert noch, wie die Idee zu „Random Conversations“ entstanden ist.
BE: Die Idee baut auf einer künstlerischen Arbeit auf, die ich 2014 und 2018 mit dem Künstlerkollektiv mark, zu dem ich seit 2008 gehöre, realisiert habe. Wir forderten Anwohner:innen auf, Fragen an die eigene Stadt oder im Fall von Hellersdorf an den eigenen Bezirk zu stellen. Eine Auswahl daraus wurde dann zum Beispiel auf Hintergleisflächen am Alexanderplatz (U5) im Rahmen von „Kunst im Untergrund“ plakatiert.
„Random Conversations“ ist auf Basis dieser Methode des Fragens entstanden. Für den Schulkontext, die dauerhafte Verortung und mit dem Budget konzipierte ich die Arbeit spezifischer. Da es eine Arbeit mit Text ist, experimentierte ich einige Zeit, ehe ich eine für den Ort und meine Vorstellung passende Form fand.
Mit der Fallblatt-Anzeige entschied ich mich für ein dynamisches Medium. Die seltenen Wechsel (nur drei bis vier täglich) lassen den Text statisch und ruhig wirken. Er ähnelt eher einem gedruckten Text als einer digitalen Anzeige. Die Buchstaben werden mechanisch aufgeblättert und erzeugen dabei dieses schöne Rauschen. Das alles vereint wirklich viele meiner Ansprüche.
ALW: Die Fragen kreisen um so konkrete Dinge wie „Was macht dich stolz?“ bis zu konkreten Fragen, die den Kontext Schule betreffen, wie „Lernen wir wirklich für das Leben, Schule?“ oder „Gibt es einen Friedhof für gestorbene Schulen?“. Was wird bei „Random Conversations“ von wem gefragt und wer wird adressiert?
BE: Ich forderte die gesamte Schulgemeinschaft, also Lehrer:innen, Schüler:innen, Mitarbeitende und Eltern auf, Fragen an „Schule“ zu schreiben. Schule ist hier bewusst nicht definiert.
Es gibt eine einfache Handlungsanweisung:
Stell dir vor, „Schule“ sei eine Person, die du triffst.
Stelle ihr mindestens 10 Fragen.
Unterhalte dich mit der Schule möglichst mit „du“. Die Schule, die du triffst, kann eine Schule in 20 Jahren sein oder die Schule, wie du sie kennst. Schule kann das Gebäude oder die „Idee Schule” sein.
Als wir die ersten Workshops gemacht haben, bekamen einige Schüler:innen das erste Mal konkrete Informationen und Visualisierungen zum Neubau zu sehen. Da wurden vor allem Fragen über die neue Ausstattung und die Regeln an der zukünftigen Schule geschrieben. In späteren Workshops hatten alle mehr Informationen zum Umzug und zum Ablauf in der neuen Schule, die Fragen haben dann häufiger das System Schule und die persönliche Situation darin thematisiert.
ALW: Was gehörte noch alles zum Prozess?
BE: Das erste Mal in Kontakt mit dem Wettbewerb kam ich im Frühjahr 2023. Die Entscheidung für meinen Entwurf fiel im März 2024 und seit Herbst 2024 erarbeite ich in Workshops und kleinen Events mit der Schulgemeinschaft die Fragen.
Ich ging tatsächlich durch alle Klassen an der zukünftigen Minna-Cauer-Schule und hatte mit fast allen Schüler:innen und Lehrer:innen Kontakt. Es war eine sehr breite Kollaboration. Die Zeitpunkte für das Zusammenarbeiten konnte ich an den Zeitplan der Schule anpassen. Das war für alle ideal. Wir näherten uns schrittweise an den gemeinsamen Prozess an: Zu Beginn unternahmen wir Exkursionen zu einem Kunstmuseum und zu einem Schulneubau mit realisierter Kunst am Bau und später arbeiteten wir gemeinsam in der Holzwerkstatt. Ich konnte an verschiedenen Konferenzen teilnehmen, zeigte das Projekt an diversen Schulveranstaltungen und gleichzeitig erweiterte ich es dort mit den Teilnehmenden.
Über die Projekt-Webseite und eine Sammelbox im Lehrer:innenzimmer mit einigen Stapeln von Postkarten öffnete ich der Schulgemeinschaft von Beginn an Kanäle, um das Projekt auch selbst in die Hand zu nehmen und Fragen eigenständig einzureichen, was gut genutzt wurde.
Zwischendurch konnte ich (und wir) mehrfach die Baustelle besuchen. Die frühe Einbindung macht in der Umsetzung sehr vieles einfacher. Ich hatte schnell den Eindruck, mich nicht immer vorstellen und erklären zu müssen.
ALW: Und die Zusammenarbeit geht noch weiter …
BE: Ja, die Zusammenarbeit und die Erarbeitung der Fragen enden nicht mit der ersten Generation. Das Projekt war von Anfang an in die Zukunft gedacht. Es soll ein Kunstwerk sein, das weiter mit Inhalten gefüttert wird und das aktiv in den Schulalltag einbezogen werden kann.
ALW: Wie funktioniert das?
BE: Teil meines künstlerischen Konzepts sind zwei Überarbeitungen, die in drei und in sechs Jahren von mir durchgeführt werden. Das ist möglich, weil für die Anzeige ständig neue Fragen eingespeist werden können.
Während der weiteren Zusammenarbeit passiert hoffentlich eine sukzessive Übertragung: Die Schulgemeinschaft übernimmt immer mehr den Prozess der Überarbeitung und Neufindung der Fragen und führt sie später eigenständig durch.
ALW: Ich begleite deine Arbeit schon eine Weile und beobachte, wie sich darin mehrere Themen miteinander verzahnen und in unterschiedlicher Gewichtung immer weiter bearbeitet werden: Zunächst ist deine Arbeitsweise meistens ortsspezifisch. Es gibt ein Interesse für Architektur und gebaute Strukturen, das eng verbunden ist mit der Frage, wie diese benutzt und angeeignet werden. Du beschäftigst dich mit den relationalen Verhältnissen, also den Beziehungen, die durch diese Orte gestiftet werden, und greifst in diese ein, indem du Interviews führst oder Kartierungen anfertigst. Zudem interessieren dich Informationssysteme und deren normative Wirkrichtungen. Ein weiteres Charakteristikum betrifft deine Arbeitsweise. Du arbeitest schon lange in kollektiven Zusammenhängen und hast schon mehrere partizipative Projekte realisiert. Vor diesem breiten Erfahrungsschatz würde ich gerne von dir wissen: Was ist das Besondere an der Institution Schule?
BE: Zum einen denke ich: Schule lässt kaum jemanden kalt. Jede:r hat ein eigenes Verhältnis dazu, je nachdem, wie die eigene Schulzeit erlebt wurde. Schule ist ein sehr persönlicher Erfahrungsraum und ist verknüpft mit vielen Erinnerungen. Schule ist Ausgangsort für Freundschaften, Basis des späteren Werdegangs. Schule ist auch ein Ort, an dem eigene Überzeugungen über sich und die Welt geformt werden. Zum anderen ist Schule ein so unglaublicher Potenzialraum. Schule kann und könnte so vieles sein. Das ist der Ansatzpunkt, der mich als Künstlerin hier reizt: sich in den Fragen damit zu beschäftigen, was Schule sein könnte – spielerisch und losgelöst von den realen Bedingungen darüber zu fantasieren, was hier möglich wäre, und sich so dazu in Beziehung zu setzen.
ALW: Als ich im Foyer stand und einige Fragen las, fand ich daran so toll, dass sie eine persönliche Ebene in einen funktionellen Rahmen einbringen. Statt Inhalte und Antworten vorzugeben und weiterzuvermitteln, wie es sonst im Unterricht oft geschieht, wird hier ein Raum für eigene Gedanken geöffnet.
Ich hielt kürzlich eine Künstler-Publikation in den Händen, ein Questionnaire, das Fragen versammelt, die sich auf Städte beziehen.1 Als Referenz wird Max Frisch genannt, der über ein Dutzend Fragebögen entwickelt hat. Warum ist das Fragenstellen so aktuell und für deine Praxis so wichtig?
BE: Die Fragen von Max Frisch finde ich teilweise sehr aufregend. Sie beinhalten die Möglichkeit, etwas über ihn und seine Weltsicht zu erfahren und sich selbst neu kennenzulernen. Ich denke, genau darum geht es in guten Fragen: ein Stück tiefer gehen. Wie eine Annäherung an das Gegenüber und in eigene verborgene Gedanken oder Ideen. Durch das Formulieren der eigenen Fragen können alle in diesem Projekt schrittweise tiefer gehen und haben die Möglichkeit, sich zu zeigen. Zu Beginn wird häufig gefragt: Wie geht’s?, so als Türöffner, dann kommen Fragen, die vielleicht eher mit einem selbst zu tun haben: Bist du auch so müde? Und im dritten Schritt ist man dann bereit für Fantasie, Wagnis oder Spaß: Was würdest du tun, wenn hier alle verschwunden sind?
Deshalb ist die Aufforderung, mindestens zehn Fragen zu schreiben. Meine Erfahrung im Fragensammeln ist, dass es meistens erst interessant wird, wenn die Standardfragen gestellt wurden und man sich wirklich Gedanken machen muss.
In Fragen kann vieles formuliert werden, was sonst umständlich erklärt werden müsste oder was als Statement erdrückend wirkt. Fragen haben eine Leichtigkeit, weil sie nicht so endgültig daherkommen. Ich wollte auf keinen Fall ein Mecker-Board installieren.
ALW: Interessant an der Wahl des Mediums der Anzeigetafel ist ja, dass das ein typisches Medium ist, um von institutioneller Seite Informationen weiterzugeben. Bei dir dreht sich das um, denn mithilfe der Fragen initiierst du einen Dialog …
BE: Die Fragen sind ein Mittel, um sich über Schule auszutauschen und die Institution zu hinterfragen – eine künstlerische Strategie, die ich auch in anderen Arbeiten angewendet habe. Die Nutzenden übernehmen die autoritäre Stimme und füllen sie mit eigenen Inhalten. Ich gebe ihren Gedanken eine Plattform. Was das bewirkt und wie sie es nutzen, bleibt dabei offen. Es wird etwas sichtbar gemacht, was zuvor eher ungreifbar in jedem existierte.
ALW: Für mich wirft dein Vorgehen zentrale Fragen nach Möglichkeitsformen der Beteiligung ebenso auf wie Fragen nach der Rolle der Künstler:innen innerhalb dieser Prozesse. Du hast schon angedeutet, dass du die Arbeit an die Schulgemeinschaft übergeben willst – kannst du das noch mal ausführen?
BE: Das gemeinsame Kunst-Machen ist ein sehr sensibler Prozess – genau wie eigentlich jeder kollektive Prozess. Schwerpunkt meiner künstlerischen Arbeit sind Werke, die veränderbar sind und die mein Gegenüber von Beginn an einbeziehen. Meine Herausforderung bei diesem Konzept war es, eine Form der dauerhaften Einbindung der Schulgemeinschaft zu finden. In meiner Vorstellung wird es eine langsame Übernahme: Zunächst liegt jegliche Verantwortung bei mir. Das wird sich in den nächsten Jahren verschieben und die inhaltliche Überarbeitung liegt dann immer mehr in der Hand derjenigen, die mit dem Kunstwerk leben. Ich habe eine Form entwickelt, die auch nächsten Generationen eine aktive Teilnahme ermöglicht, wodurch das Kunstwerk durch die Nutzenden immer wieder aktualisiert werden wird. Viele Fragen werden in fünf bis zehn Jahren schon veraltet wirken oder aus der Zeit gefallen sein. Da ist es großartig, dass man die einmal gesetzten Inhalte wieder zur Diskussion stellen kann. Es bleibt also ein Werk, mit dem man sich immer wieder auseinandersetzen kann und muss.
ALW: Dass sich das Kunstwerk weiterentwickelt und aktualisiert, gefällt mir besonders gut. Bemerkenswert finde ich auch, dass sich in deiner Vorgehensweise ein verändertes Künstler:innenbild zeigt: Es geht weniger um ein Fixiertsein auf den Künstler oder die Künstlerin als um ein erweitertes Verständnis künstlerischer Praxis, das auch das Gestalten von sozialen Prozessen miteinbezieht – das In-Kommunikation-Treten, Anleiten, Moderieren, Ermutigen ... Hat das manchmal auch für Irritationen gesorgt, sodass du dich erklären musstest? Allgemeiner gefragt: Wie war die Zusammenarbeit für dich?
BE: Das klingt jetzt total unrealistisch, aber dieses Projekt lief in allen Aspekten einfach nur gut. Alle am Prozess Beteiligten schienen von der Idee und Form des Kunstwerks überzeugt. In der Schulleitung und im Schulkollegium hatte ich durchweg gute Unterstützung, was das Fragenschreiben beflügelt hat.
Ich habe gemerkt, dass Personen, die vielleicht nicht so viel mit zeitgenössischer Kunst anfangen können, sich für die hier verwendete Technik begeistern können und dadurch einen Anknüpfungspunkt finden. Die formalästhetische Erscheinung ist niedrigschwellig. Vor einer klackernden Anzeigetafel gibt es weniger Vorbehalte und der Gegenwert für die investierte Summe wird scheinbar gut akzeptiert. Ich habe mich gefreut, wie positiv die Resonanz auf die Form war. Die Schüler:innen fanden die Aussicht auf so eine Anzeigetafel mit ihren Fragen meistens sehr cool.
1 Arne Schmitt: Questionnaire Krakow, Vexer Verlag, St. Gallen/Berlin 2026.