Entgegen den Erwartungen (German)

Anna-Lena Wenzel

Da gehe ich in eine Ausstellung und bekomme Beobachtungen des Verhaltens anderer Besucher/innen vorgesetzt.

Da erwarte ich eine fertige künstlerische Arbeit und bekomme fragmenthafte Aufzeichnungen vorgelegt.

Da halte ich einen Katalog in den Händen und finde darin nur Texte.

Irgendwas ist anders bei Birte Endrejat. Hat das damit zu tun, dass sie keine „geschlossenen“ Kunstwerke produziert, sondern ein Geflecht von Bezugnahmen und gegenseitigen Beobachtungen aufmacht nach dem Motto „watching someone watching“? Und diese Beobachtungen wieder an die Beobachteten zurückspielt?

Es geht viel um Sehen und um Zeigen. Sehen im Sinne von: Genau hinschauen und untersuchen, wie sich die Wahrnehmung verändert. Zeigen im Sinne von: Wie lenke ich den Blick, wie stelle ich Informationen zur Verfügung, welche Machtverhältnisse stecken in dieser Geste des Sichtbar- oder Unsichtbarmachens? In einer Ausstellungssituation mit dem Verhalten anderer Beobachter/innen konfrontiert zu werden, führt dazu, dass man anfängt, sich selbst zu beobachten und sich den eigenen Seh- und Verhaltensweisen bewusster zu werden. Man wird als Besucher aktiviert.

Birte Endrejat arbeitet ortsbezogen, das heißt, sie ist vor Ort und schaut sich um und hört und schreibt mit. Ihre ortsspezifischen Arbeiten ähneln Feldstudien: Neben ihren Beobachtungen führt sie Gespräche mit Bewohner/innen und betreibt Literaturrecherchen. Es ist nicht ihr Anliegen dem Ort etwas Weiteres hinzuzufügen, sondern das, was vorhanden ist, sichtbar zu machen – oder besser: in eine andere Form zu übersetzen. Dazu gehört auch das Horchen auf Dinge, Erzählungen, Stimmungen, die nicht unbedingt sichtbar sind, sich aber trotzdem in die Orte eingeschrieben haben. Wie kann man diese Dinge zu fassen kriegen?

Ausgangspunkt für Endrejats Annäherungen sind Fragen wie: Was machen Orte mit den Menschen? Inwieweit hängen die Verhaltensweisen von Bewohner/innen und Besucher/innen mit den Vorgaben und Geschichten von Gebäuden zusammen? Wie strukturieren sie ihr Handeln? Was macht es mit einem Ort, wenn alle Gebäude und Infrastrukturen, die sich hier einmal befanden, ausgelöscht und dann komplett neu errichtet wurden? Wie fühlt es sich an, vor einer Leer-Stelle zu stehen und neue Visionen entwickeln zu können, statt kleinteilige (Kompromiss-)Lösungen finden zu müssen?

Das Hansa-Viertel in Berlin ist so ein Ort, dessen Bausubstanz im Krieg zu 90 Prozent zerstört und der in den 1950er-Jahren als sozialer Wohnungsbau mit vielen Gemeinschaftsflächen neu errichtet wurde. Die Ansprüche waren ambitioniert: Die Bewohner sollten zu „Bauherrn der neuen Stadt“1 gemacht und in den Prozess des Planens und Bauens einbezogen werden. Bei ihren Recherchen vor Ort hat sich Birte Endrejat mit der Frage beschäftigt, was passieren muss, damit die Bewohner/innen nicht nur Ausführende der Ideen anderer sind, sondern selber aktiv mitgestalten können. Wie kann Beteiligung ermöglicht werden, ohne diese durch sprachliche Hierarchien oder Kompetenzunterschiede im selben Moment wieder zu desavouieren? Eine wichtige Rolle in diesem Prozess spielt die Informationspolitik: Welche Informationen werden wie weitergeben? Und welche zurückgehalten? Die Künstlerin weist auf die entscheidende Rolle hin, die die Gestaltung der Informationen spielt, indem sie das Layout oder das Format dieser Displays reproduziert und mit ihren eigenen Inhalten füllt. So werden Baustellenschilder zu Kunstobjekten, und aus einem Ausstellungsindex für die Stadt Leipzig entsteht eine Künstlerpublikation.

Um das passende Format für ihre Art von Beobachtungen und Auseinandersetzungen mit Orten zu finden, entwickelt Birte Endrejat je nach Kontext und Situation unterschiedliche Formate und arbeitet mit Publikationen, Karten oder Rauminstallationen. Gemeinsam ist ihren Ausdrucksformen, dass sie die Erwartungen, mit denen Künstler/innen konfrontiert werden, unterlaufen und im Gegenzug das Verhältnis von Betrachter und Kunstwerk aktivieren.

 

1 Vgl. Interbau Berlin 57, 4-sprachige Broschüre der Internationalen Bauausstellung Berlin GmbH, Berlin 1957, S.18